Welche Faktoren führen in die Überschuldung und wie arbeiten moderne Hilfesysteme? Zu diesen Themen sprach kürzlich Julian Heine, Schuldnerberater beim AWO Landesverband Saarland e.V. in Saarlouis, vor angehenden Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen und Bankkaufleuten. Für beide Ausbildungsberufe bietet das Thema wichtige Schnittstellen zur späteren Berufspraxis, sei es im direkten Kundenkontakt bei Finanzdienstleistungen oder bei der Betreuung von Arbeitsuchenden in schwierigen Lebenslagen.
Herr Heine stellte zunächst die Struktur und das Leistungsportfolio der Beratungsstelle vor. Die Beratung ist für die Klienten vollständig kostenlos, da das Angebot durch Finanzierungen des Bundeslandes und des Landkreises Saarlouis getragen wird. Das Aufgabenspektrum der Einrichtung ist vielschichtig und reicht von der prioritären Existenzsicherung, wie dem Erhalt von Wohnraum und Energieversorgung, über die Übernahme der Korrespondenz mit Gläubigern bis hin zur Erstellung strukturierter Haushalts- und Rückzahlungspläne. Bei Bedarf erfolgt zudem eine Weitervermittlung an flankierende soziale oder therapeutische Fachdienste. Die hohe Relevanz dieses Dienstes verdeutlichen die jüngsten Fallzahlen: Im vergangenen Jahr betreute die Saarlouiser Dienststelle über 600 Mandanten in insgesamt mehr als 2.000 Beratungen. Neben Privatpersonen ist die Beratungsstelle im Alltag zunehmend auch mit Insolvenzen Selbständiger konfrontiert.
Ein wesentlicher Teil des Vortrags widmete sich der Abgrenzung zentraler Fachbegriffe. Während eine Verschuldung die reguläre und bedienbare Tilgung von Verbindlichkeiten beschreibt, liegt eine Überschuldung erst dann vor, wenn die Gesamtausgaben die Einnahmen dauerhaft übersteigen. Bezugnehmend auf den aktuellen Schuldenreport von Anfang 2026 legte der Referent dar, dass die Überschuldung im Bundesgebiet erstmals seit Jahren wieder ansteigt, wobei das Saarland eine Quote über dem Bundesdurchschnitt verzeichnet. Als primäre Treiber dieser Entwicklung wurden veränderte geopolitische Rahmenbedingungen, die anhaltende Inflation sowie gestiegene Energie- und Lebenshaltungskosten angeführt.
Anhand eines fiktiven Fallbeispiels demonstrierte Heine abschließend den konkreten Ablauf eines Beratungsprozesses, der von der strukturierten Erfassung aller Verbindlichkeiten beim Erstkontakt bis hin zum außergerichtlichen Einigungsversuch reicht. Sollte dieser Sanierungsversuch scheitern, begleitet die Schuldnerberatung die Betroffenen in das gesetzliche Verbraucherinsolvenzverfahren, um über die dreijährige Wohlverhaltensphase eine Restschuldbefreiung und somit einen finanziellen Neuanfang zu ermöglichen. Die Veranstaltung bot den Schülerinnen und Schülern einen fundierten, praxisnahen Einblick in ein gesellschaftlich wie ökonomisch relevantes Themenfeld. Wir bedanken uns bei Herrn Heine und der AWO Saarlouis für den Informationsbesuch.
Text: Daniel Brück
Foto: FLS